Meine Geschichte

  

Seit dem zwölften Lebensjahr kämpfe ich mit den Symptomen von Endometriose. Es dauerte aber fünfundzwanzig Jahre, bis die Krankheit bei mir diagnostiziert wurde. Und weitere sieben Jahre, bis ich erfuhr, ab wann alles begann. Nämlich nicht erst 2005, als die Diagnose gestellt wurde, sondern schon 1980 mit dem ersten Tag meiner Regelblutung.

 

   Sechs Jahre später ‒ es war ein Tag vor dem Geburtstag meiner Mutter ‒ kam ich mit starken Krämpfen im Unterbauch und 39,8 °C Fieber ins Krankenhaus. Da die Ursache nicht eindeutig festzustellen war, landete ich noch am selben Abend auf dem Operationstisch. Es war meine allererste Laparoskopie, bei der eine beidseitige Salpingitis (Entzündung der Eileiter) diagnostiziert wurde. In meinem fiebrigen Zustand war mir alles egal. Erst als ich am darauffolgenden Tag begriff, wo ich war, kam der Schock. Bei der Visite erfuhr ich nicht nur, dass ich keine Kinder bekommen könnte, sondern auch, dass ich aufgrund von Umbaumaßnahmen nicht auf der Gynäkologie, dafür aber auf der Krebsstation untergebracht wurde. Es folgten drei Wochen Hölle! Drei Wochen, in denen ich täglich miterleben musste, wie nicht nur meine beiden Zimmergenossen, sondern sämtliche Frauen auf der Station litten. Jede auf ihre Art. Diese Zeit hat mich so geprägt, dass ich mir am Tag meiner Entlassung, welcher gleichzeitig mein achtzehnter Geburtstag war, schwor, nie einen Termin bei der Krebsvorsorge zu versäumen.

 

   Ein halbes Jahr später folgte eine Laparoskopie zur Kontrolle. Ich war froh, dass keine erneute Entzündung festgestellt werden konnte. Doch als nach zehn Tagen die Fäden gezogen wurden übersah der Arzt ein kleines Stück vom Nahtmaterial. Im Bereich des Bachnabels bildete sich ein Knoten, der direkt unter der Haut lag und sich abgekapselt hatte. Sorgen machte ich mir nicht darüber, denn in den darauffolgenden vierzehn Jahren verblieb der Faden ohne Probleme an Ort und Stelle. Bis zu dem Tag, als der Sensenmann mir das erste Mal zuwinkte.

 

   Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas möglich ist. Binnen einer Woche verfärbte sich der inzwischen abgekapselte Faden von normaler Hautfarbe auf Rot und anschließend Schwarz. Eine ähnliche Farbveränderung kannte ich bereits durch zahlreiche blaue Flecke ‒ nur fand die Veränderung immer in umgekehrter Reihenfolge statt. Angst stieg in mir auf! Es war Freitag und das Wochenende stand vor der Tür. Um kein Risiko einzugehen, ging ich sofort zu meinem Hausarzt. Er teilte mir mit, dass meine Lage kritisch war, und überwies mich umgehend ins Krankenhaus. Einer weisen Vorahnung folgend hatte ich zum Glück an diesem Morgen aufs Frühstück verzichtet, denn es folgte eine Not-OP. In den darauffolgenden Wochen musste die offene Wunde von innen nach außen heilen. Neugierig, wie ich war, riskierte ich mutig einen Blick in das Loch, welches sich in der Mitte meines Körpers befand. Das Resultat ‒ mir wurde schlecht.

 

   Nach vierzehn Tagen Krankenhausaufenthalt war ich froh, wieder nach Hause zu dürfen. Nichts ahnend, was mich in der Zukunft erwartete, war ich überglücklich, dem Sensenmann entkommen zu sein.

 

   In den nächsten Jahren folgten weitere Laparoskopien, um Endometrioseherde und Verwachsungen zu entfernen. Mit jeder Operation verlor ich an Lebensqualität. Es dauerte lange, diese Krankheit zu akzeptieren und noch länger, um darüber sprechen zu können. Denn kaum einer hatte Verständnis für meine Beschwerden, weil äußerlich nichts zu sehen war. Sehr oft musste ich mir Sätze anhören wie: „Stell dich nicht so an, das haben alle Frauen!“

 

   Nein, nicht jede Frau hat während der Menstruation so starke Schmerzen, dass ihr übel wird. Bei einer normalen Monatsblutung muss sich keine Frau übergeben oder bekommt Durchfall und leidet schon gar nicht an massiven Kreislaufbeschwerden.

 

   Auch bekommt nicht jede Frau Endometriose im IV. Stadium und gleichzeitig eine sechs Zentimeter große Zyste. Als sich dann noch ein inoperables Myom von fünf Zentimeter Durchmesser in der Gebärmutterwand einnistete, wurden die Blutungen immer unkontrollierter. Ich traute mich ohne Wechselwäsche keinen Schritt mehr vor die Haustür.

 

   Drei Jahre flehte ich den Gynäkologen an, dass er einer Gebärmutterentfernung zustimmte. Ohne Erfolg. Jedes Mal sagte er zu mir: „Sie sind zu jung. So einen Eingriff kann man nicht rückgängig machen. Was ist, wenn Sie sich doch noch dazu entschließen ein zweites Kind zu bekommen?“

 

   Ich versicherte ihm, dass ich mit achtunddreißig Jahren kein weiteres Kind wünschte. Schließlich hatte ich trotz bescheinigter Unfruchtbarkeit und komplizierter Schwangerschaft bereits eine Tochter zur Welt gebracht. Damit war ich zufrieden. Außerdem konnte ich mir nicht vorstellen noch einmal schwanger zu werden, da ich inzwischen nahezu ununterbrochen ᾿wie ein Schwein auf der Schlachtbank᾿ blutete.

 

   Im Februar 2009 war es dann endlich so weit. Meine Gebärmutter wurde entfernt. Als ich langsam aus der Narkose aufwachte, merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Eine Flüssigkeit lief mir am Bein herunter. Es war Blut.  Weil ich aber immer wieder wegdämmerte, dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, bis ich dem Krankenhauspersonal Bescheid sagen konnte. Sie reagierten prompt. Zuerst versuchte der Stationsarzt die Blutung lokal, also durch die Scheidenöffnung zu nähen. Ich weiß nicht wie lange es dauerte, ich weiß nur noch, dass es, weil ich keine Betäubung bekam, sehr wehtat. Aber ich biss die Zähne zusammen und ließ es über mich ergehen. Leider schaffte der Arzt es nicht auf diese Weise die Blutung zu stoppen. Im Dauerlauf wurde eine Not-OP vorbereitet. Als ich auf dem Gang vor dem Operationsraum stand sah ich wieder den Sensenmann, wie er mir zuwinkte. Meine Angst schlug in Panik um, denn in diesem Moment dachte ich, dass ich das Krankenhaus nicht lebend verlassen würde.

 

 

   Zum Glück war die Operation erfolgreich. Seit diesem Tag war ich zwar die Blutungen los, aber nicht die Endometriose, denn die Eierstöcke wurden nicht mitentfernt.

 

  

   In der Zeit vom 1986 bis 2009 hatte ich zahlreiche Operationen, die unzählige Vernarbungen im Unterleib hinterließen. Betroffen sind das Bauchfell, die Eierstöcke, die Blase, der Darm, der Enddarm und die Scheide. Zurückgeblieben sind chronische Schmerzen. Außerdem überfallen mich seit der Gebärmutterentfernung Schmerzattacken, die so stark sind, dass ich ohnmächtig werde. Sie werden von den inneren Organen, die mit dem Narbengewebe in Berührung kommen verursacht.

 

   Sowohl die chronischen Schmerzen als auch die Schmerzattacken schränken mich sehr in meinen Tätigkeiten ein, da ich nicht länger als 30 Minuten am Stück stehen, gehen, sitzen oder liegen kann. Viele Tätigkeiten (wie meinen Beruf, Sport usw.), die mir früher Spaß gemacht haben, kann ich heute nicht mehr ausüben. Doch auch wenn sich mein Leben drastisch entschleunigt hat, ist das für mich noch lange kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Ich verarbeite meine Gedanken, Gefühle und Sehnsüchte in Blogartikeln, Gedichten und Kurzgeschichten. Große Freude macht mir aber auch das Schreiben von Krimis und Kochbüchern.

 

   Um einen kleinen Teil zur Endometrioseaufklärung beizutragen, habe ich die Homepage ᾿Endometriose ‒ Katy Buchholz᾿ eingerichtet.

 

   Um einen weiteren aggressiven Ausbruch zu verhindern, muss ich bis auf weiteres Hormone einnehmen. Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht. Was mich erwartet, wenn ich mit den Wechseljahren durch bin und keine Hormone mehr verschrieben bekomme, werde ich in ein paar Jahren wissen. Vielleicht habe ich ja auch Glück und die Endometriose mit ihren schrecklichen Nebenwirkungen gönnt mir dann endlich ein bisschen Ruhe.

 

© Katy Buchholz